Mathematik für Solawisti

Der Winter ist ja generell eine Zeit des Rück- und des Vorblicks. Das Schöne am Gemüsebau: Durch die Winterruhe der Natur ist die Arbeit auf dem Acker tatsächlich weniger umfangreich, so dass auch wirklich Zeit und Muße da ist, um die einzelnen Kulturen zu evaluieren und Pläne für die neue Saison auszuarbeiten. Für 2021 planen wir mit 100 Ernteanteilen. Was heißt das für die Fläche an Möhren, Feldsalat oder Blumenkohl? 

Beispiel Möhren

Möhren

Möhren können für die Abholung von etwa Juli bis März/April (= 9 Monate = ca 40 Wochen) verfügbar sein. Wenn man nun festlegt, dass es alle 14 Tage 1kg Möhren pro Ernteanteil geben soll, so benötigen wir = 40/2*1kg*100 Ernteanteile = 2000 kg Möhren. Dieses Jahr erzielten wir Erträge von 7 bis 10 kg pro Beetmeter. Bei durchschnittlich 8kg Möhren pro Beetmeter brauchen wir also 250 Beetmeter = 8,3 Beete à 30m. Als nächsten Schritt gilt es, die Aussaat dieser 8 Beete so zu planen, dass die Möhren zur gewünschten Zeit reif und groß sind. Sie brauchen je nach Sorte zwischen 95 und 140 Tagen von der Aussaat bis zur Reife. Die schnellen Sorten sind für die ersten Möhren sinnvoll, die langsameren Möhren für die Lagerung: „Gut Ding will Weile haben“. 

Beispiel Blumenkohl

Dieses Jahr gab es 3 Blumenkohl pro Ernteanteil (EA) (+ einige für Helferinnen), insgesamt 250 Stück. Angebaut haben wir 2,5 Beete a 30m mit insgesamt 340 Jungpflanzen. D.h. etwa 27% der Jungpflanzen sind nichts geworden, was typisch ist für Kohlgemüse, mir aber eine zu hohe Ausfallquote ist – der erste Satz ist, warum auch immer, nicht gut geworden. Da Blumenkohl zu den sehr begehrten Gemüsesorten gehört, vermute ich mal, dass einige gerne mehr davon möchten. Geht das? Würde gehen, aber nur zu Lasten von anderem Kohl, denn: Bei Kohlgemüse ist es sehr wichtig, eine strenge Fruchtfolge einzuhalten. Auf der gleichen Fläche sollte Kohl nur alle 5 bis 7 Jahre stehen, damit der Schmarotzer-Pilz „Kohlhernie“ nicht mittels des intensiven Anbaus von Kohlwirtspflanzen gefüttert und vermehrt wird. Hat sich der Pilz einmal ausgebreitet, so gehen die Kohlerträge erheblich zurück.
Hält man also eine sechsjährige Anbaupause ein, so ist die Anbaufläche für Kohl begrenzt auf etwa ein Sechstel der Gesamtanbaufläche. In unserem Fall sind dies im nächsten Jahr 16 Beete a 30m. Wollen die Mitglieder mehr Blumenkohl, so muss gleichzeitig festgelegt werden, von welchem Kohl man weniger oder gar nichts haben möchte: Rosenkohl, Grünkohl, Weißkohl, Rotkohl, Palmkohl, Steckrübe, Wirsing, Spitzkohl…. Dieses Jahr wurden etwa 12 Beete mit Kohl belegt für 67 Ernteanteile, nächstes Jahr werden es 16 Beete für 100 Ernteanteile sein. Letztes Jahr entsprachen einem Ernteanteil etwa 5,3 Beetmeter Kohl, nächstes Jahr werden es 4,8 Beetmeter sein. Welche Kohlsorten sollen auf diesen 16 Beeten wachsen?

16 Beete Kohl, Vorschlag für 2021

2 Beete Rosenkohl (1,5-2kg/EA/Jahr)
2-3 Beete Grünkohl/Palmkohl
5-6 Beete Kopfkohl (Spitz, Weiß, Rot, Wirsing) = 6 Köpfe pro Ernteanteil pro Jahr.
4 Beete Blumenkohl/Brokkoli = 4 St pro EA pro Jahr
1 Beet Lagerkohlrabi = 2-3 pro EA
1 Beet frei: Chinakohl, Steckrübe, ???
Zusätzlich gibt es noch Kohlrabi, Radieschen und Rucola, die zwar zur Kohlfamilie gehören, aber eine so kurze Standzeit haben (< 10 Wochen), dass ich ihren Einfluss auf das Bodenmilieu als nicht  fruchtfolgerelevant einstufe. (Das gibt uns etwas mehr Spielraum.)

Fruchtfolge

Die Fruchtfolge setzt uns also Grenzen und ist ein fester Bestandteil des Bioanbaus. Nun, wo ich die Wichtigkeit der Fruchtfolge erläutert habe, möchte ich sie gleich wieder in Frage stellen. Die Fruchtfolge ist eine Theorie zur Gesunderhaltung des Bodens und wie jede Theorie hat sie nur unter bestimmten Annahmen ihre Gültigkeit. Die Annahmen, die der Fruchtfolgetheorie zugrunde liegen, leiten sich aus dem vorherrschenden Anbausystem ab: Im Biogemüsebau wird der Boden mit größeren Maschinen sehr stark beansprucht – oft sogar auch auf nassen Böden, da jeden Tag geerntet werden muss, egal bei welchem Wetter. Zudem werden Monokulturen angebaut. Alle Kohlpflanzen stehen also nebeneinander, andere Kulturen und Beikräuter dürfen ihre Wurzeln nicht im gleichen Boden ausbreiten. Mischkulturen gibt es quasi nicht. Die Reihenabstände werden so weit gestaltet, dass man mit dem Traktor durchhacken kann. Der Boden wird also verdichtet, es fehlt eine Bodenbedeckung als Schutz vor Regen und Wind und es gibt keine Wurzelvielfalt im Boden. Um diesen ökonomisch effizienten Bioanbau durchhalten zu können, ist die Fruchtfolge unabkömmlich. Aber geht es auch anders?

Bodengesundheit

Unter anderen Anbaubedingungen darf man diese Theorie ruhig in Frage stellen: Für Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheitserregern das Maß aller Dinge. Vielmehr braucht gesundes Leben eine vielfältige Ernährung (Mischkultur, Kompost), Luft zum Atmen (keine Verdichtung) und Schutz vor dem Wetter (Wind, Sonne, Regen). Wird der Boden also gehegt und gepflegt, so kann man mit Bedacht von der Fruchtfolgetheorie Abstand nehmen und neue Pfade beschreiten. 

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Leute von SoLaWi!
    Ich möchte ausschließlich Kartoffeln anbauen, d.h. ich stelle mir vor, dass ich 10-15 kg Kartoffeln pflanze, um dann im Spätsommer/Herbst zu ernten. Ist das auch auf der Fläche in Theesen möglich?
    Oder könnt Ihr mir einen Hof nennen, der einfach Einzelnen eine Fläche zur Verfügung stellt?
    Mit freundlichen Grüßen
    Heike Kassebaum aus Gadderbaum

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